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Auf den Spuren von Johann Wolfgang von Goethe und Prof. Justus von Liebig in Leihgestern -  Eine Frühlingswanderung der TSG Radgruppe 3 zum Gut Neuhof

Zu einer Frühlingswanderung mit Überraschung unter diesem Motto hatte die Radwandergruppe 3 eingeladen. 26 Interessierte hatten sich trotz der Schlechtwetterprognose nicht abbringen lassen, gemeinsam heimische Gefilde zu erwandern und – wie so oft – kam es anders, denn es stellte sich später heraus, dass es ein regenfreier z. T. sonniger Nachmittag werden sollte. Nach seiner Begrüßung versüßte Dietmar Reichel den anstehenden Startschuss noch mit Kugel aus Schokolade und Karin Seipp lud die Wanderschar noch zu einem Kräuter-Stamperl anlässlich ihres 70. Geburtstages ein. Beides zusammen gab dem Start den erforderlichen Schwung.

Vom „Goldenen Ritter“ führte die Tour zunächst durch den historischen Ortskern von Großen Linden vorbei an der Gesamtschule in Richtung Langgöns. Nach Unterquerung der A 45 und passieren der Main Weser Bahn führte uns nun der Weg in der Gemarkung Leihgestern und immer im Blickwinkel auf unseres Etappenzieles, dem Gut Neuhof.

Das Hofgut gehört zum Stadtteil Leihgestern und dürfte wohl mit zu den ältesten hessischen Bauernhöfen gehören. Es steht jedoch nicht unbedingt im Blickpunkt der Öffentlichkeit, trotz seiner geschichtlich sehr interessanten Vergangenheit. Dies etwas aufzuhellen war die eigentliche Überraschung des Organisators.

Nachdem die Landstraße Leihgestern - Langgöns überquert wurde, bog man auf der direkten Zufahrtstraße in Richtung des Gutes und den nachfolgenden Gehöften, dem Birkenhof, dem Berghof (Fam. Schiffner) und dem Ludwigshof (Fam. Trietsch), ebenfalls mit einer interessanten Vergangenheit, ein. Nach ca. 1 km erreichten wir die direkte Zufahrt zum Gutshof. Doch hielten die ersten Wanderer inne, denn ein Hinweis „Privat – Betreten für Unbefugte verboten“ überraschte. Doch dies war für uns kein Hinderungsgrund, denn unser Besuch war angekündigt. Bei Erreichen der großen Torbegrenzungen öffnete sich vor der Pferdeschwemme mit einer alten Brunnensäule ein herrlicher Blick in den großräumigen Innenhofes.

Hier wurden wir ganz herzlich von den heutigen Besitzern der Familie Victoria begrüßt. Die Ehefrau Renate V., erläuterte uns das Gesamtensemble des Innenhofes.

Rechts beginnend mit prachtvollen Fachwerk des Verwaltungsgebäudes, daneben große Lagerhallen, ehemaligen Gesindehaus, mit 1700 qm Fotovoltaik Flächen, links dem Blick folgend, mit sehr schön restauriertem Fachwerk, das Verwaltergebäude, dem sich links mit seinem hohen Schornstein das ehemalige Gebäude zur Branntweinherstellung (aus Kartoffeln) anschloss.

Das ehemals dort stehende Herrenhaus war vom Verfall bedroht und musste 1963 leider abgerissen werden. An seiner Stelle steht nun ein neuzeitlicher Bungalow. Der Große Teich und dessen Balustrade zum Herrenhaus sind erhalten geblieben und lässt die ehemalig imposante Gesamtanlage auch des anschließenden Gartens erahnen. Direkt am Eingang liegend steht das ehemalige kleine Eishaus.

Dies war für eine Stärkungspause auserkoren worden, denn dort hielt Familie R. heißen selbsthergestellten Apfelwein und Bauernbrote mit leckerem Griebenschmalz aber auch heißen Tee bereit und die Gutsherrin präsentierte zudem einen selbstgebackenen Kugelhupf. Sie umrahmte außerdem diese Pause, um anhand einer geschichtlichen Lesung uns diesem historischen Ort näherzubringen.

Spannend waren dabei die Tagebuchaufzeichnungen aus 1845 von Maximiliane von Arnim, der späteren Gräfin Oriola. Sie erlebte mit Ihrem Eltern, dem Dichterehepaar Achim und Bettina von Arnim geb. von Brentano, schöne Zeiten auf dem Gut Neuhof. Da ihre Mutter Bettina bekanntlich mit dem Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe befreundet war, ist hier auch die Annahme begründet, dass er nicht nur das Gut Neuhof kannte, sondern auch die Dichterfamilie von Arnim dort besucht hatte. Daneben lernte hier auch Maximiliane den berühmten Physiker Prof. Justus Liebig, später Freiherr von Liebig, kennen. Zu dieser Zeit war das Hofgut im Besitz von Georg von Firnhaber.

Danach schloss sich ein interessanter Rundgang mit geschichtlichen Erläuterungen des Innenbereiches an, bei dem auch Einblicke in einzelne Gebäudeteile erlaubt waren. Dabei konnten sich noch Einige erinnern, wie am 1.10.1954 ein Feuer das Gut heimsuchte und viele Tiere dabei verbrannten. Den Abschluss bildete eine Umrundung des gesamten Areals mit einem Halt an einer ehrwürdigen ca. 1000jährigen Eiche und ein Foto im Innenhof mit Hintergrund des Verwaltungsgebäudes!

D. Reichel bedankte sich für den freundlichen Empfang und die begeisternde Führung mit einem guten Württemberger Tropfen und dem Replikat einer echt gelaufenen Postkarte, die die damalige Besitzerin des Gutes am 06.09.1909 versandt hatte.
Der Rückweg erfolgte auf anderen Wegen vorbei am südlichsten Weinberg unserer Stadt und es wurde rege die Gelegenheit genutzt, um das Erlebte aufzuarbeiten. Nach 10,4 Kilometern erreichte man wieder den Ausgangspunkt und viele freuten sich schon auf ein leckeres Kotelett aus „Ilses Pfanne“.

Zum Schluss waren sich ausnahmslos Alle einig, es war ein einmaliges Erlebnis, das wir so schnell nicht vergessen werden.

(der)

Interessantes noch zur Geschichte des Gutes, die eng mit dem Kloster Schiffenberg in Verbindung stand:

1230     Gründung des Klosterhofes Neuhof durch Abt Albero (Augustiner), dabei einige Auseinandersetzungen mit Leihgesterner
            Bauern
1306     Verpachtung auf 12 Jahre an die Brüder Hermann und Konrad von Aldendorf
1323     Übernahme des Kloster Schiffenberg und des Klostergutes Neuhof durch den Deutschherrenorden Marburg
1356     Verpachtung nach Landsiedelrecht an 2 Bauern aus Leihgestern Hermann Strube und Heinrich Stoppelbein
1803     Im Zuge der Säkularisierung und dem Reichsdeputationshauptschluss geriet das Kloster Schiffenberg mit dem Gut Neuhof als
            Staatsdomäne an die Stadt Gießen
1809     vermachte der Großherzog von Hessen das Gut Neuhof dem verdienten Offizier Freiherrn von Firnhaber Eberstein Gordis
1826     heiratete er Claudine von Brentano
1848     Georg Firnhaber starb
1852     Claudine heiratete den Freimund von Arnim
1878     Ökonomierat Karl Müller (Urgroßvater von Carl Wolter Waydelin) kaufte das Gut und engagierte sich zudem sehr stark in
            soziale Bereichen. Bis vor dem 2. Weltkrieg lebten und arbeiteten 30 Familien auf dem Gut
1977     Carl Wolter Waydelin übernahm das Gut
2000    Fam. Victoria erwarb den bebauten Teil des Hofgutes und Herr Müller aus Köln die landwirtschaftliche Nutzfläche von ca. 120
           Hektar

Quellenangabe: Alte Mühlen und Höfe in Mittelhessen/Elke Seul

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